Simplexität und konviviale Technik

Auf der digitalen Messe BAU ONLINE 2021 beschäftigten sich mehrere Veranstaltungen mit dem Thema Low Tech und Komfort sowie deren Zusammenhang mit Naturbaustoffen.

Low-Tech bedeutet einen erhöhten Planungsaufwand. Foto: Pixabay

Brauchen wir in unseren Häusern so viel Technik, wie derzeit eingesetzt wird, um komfortabel zu wohnen und zu arbeiten? Das war die Ausgangsfrage einer Veranstaltung der DGNB im Rahmen der BAU ONLINE 2021 mit dem Titel "Raus aus der Komfortzone!" Die Antwort von Prof. Thomas Auer von Transsolar lautete, man müsse den Focus vor allem auf den Menschen und seine Bedürfnisse richten, der eben nicht von Januar bis Dezember eine konstante Raumtemperatur von 23 °C oder eine aufwändige Lüftung benötigt. Vor allem aber will er sich nicht von Technik bestimmen lassen und selber Einfluss auf seine räumliche Umgebung nehmen. Christine Lemaitre von der DGNB kritisierte, Technikeinsatz kompensiere oft nur eine schlechte Architektur. Nicht zuletzt präge die immer ausuferndere Haustechnik auch in wachsendem Maß den CO2-Fußabdruck der Gebäude.

Auch das Bundesbauministerium / BBSR befasste sich im Rahmen der BAU ONLINE 2021 in seinem virtuellen "Studio Bund" mit dem Thema "Simplexität und Resilienz". Hier wurde eine Studie zitiert, nach der die Nutzerzufriedenheit nicht entsprechend dem Technikeinsatz zunimmt, sondern sogar mit zu viel Technik wieder abnimmt. Oft verwendeten Architekten Technik nur, weil sie eben vorhanden ist, wurde kritisiert. Prof. Andrea Vetter von der HBK Braunschweig setzt dem den Begriff der Konvivialität entgegen, was so viel bedeutet wie "dem Leben dienlich" oder "lebensfreundlich". Die von ihr geforderte konviviale Technik ist charakterisiert durch Angemessenheit, Verbundenheit, Anpassungsfähigkeit, Zugänglichkeit und Bio-Interaktion.

Der Berliner Architekt Prof. Eike Roswag-Klinge kritisierte, dass in technisch belüfteten Gebäuden, insbesondere in klimatisierten Passivhäusern, die Raumluft viel zu trocken sei. Er plädierte für Low-Tech-Architektur, für "robustes Bauen mit Naturmaterial", insbesondere mit Holz und Lehm. Im Projekt (H)-House hat sein Büro zusammen mit dem renommierten Bauphysik-Büro Hausladen feuchtesteuernde Bausysteme entwickelt, die eine hochwärmedämmende Außenfassade haben und ohne Lüftungstechnik auskommen: "Zweimal täglich Stoßlüften reicht unter diesen Bedingungen für eine gute Raumluftqualität" meinte das natureplus-Mitglied. Sein Bausystem wird demnächst in Pankow in einer Quartiersbebauung mit 90 Familienhäusern aus Naturbaustoffen umgesetzt.

Die Architekten Jochen Weyer und Konstantin Mercier stellten ihren Siegerentwurf für den Erweiterungsbau des Bundesumweltministeriums in Berlin vor. Auch hier wird durch die Anordnung, abgestufte Fenstergrößen und eine intelligente konstruktive Verschattung des Gebäudes eine Low-Tech-Lösung ohne Klimaanlage und mit optimaler Tageslichtnutzung erreicht. "Der erhöhte Planungsaufwand war nur möglich, weil dieser spezielle Bauherr großes Interesse an den Möglichkeiten zur CO2-Einsparung zeigte", betonten die Planer. Man habe sogar Klimadaten bis ins Jahr 2045 am Computer simuliert, um die Planung entsprechend zukunftssicher zu optimieren.

Alle Beiträge aus drei Tagen "Studio Bund" der BAU ONLINE 2021 können unter dem unten stehenden Link angeschaut werden.

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