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Ressourcenwende und Produktentwicklung

Viele Baustoffhersteller haben bereits Konzepte zur Ressourceneffizienz und zur Rückführung von Reststoffen in die Produktion entwickelt. Doch angesichts bürokratischer Hemmnisse sind sie als einzelne Akteure nicht in der Lage, diese auch am Markt durchzusetzen.

Das fünfte und letzte Webseminar der Reihe "reduce, reuse, recycle - Zukunft Baustoffe" mit dem Thema "Ressourcenwende und Produktentwicklung - Chancen für kreislauffähige Baustoffe?" fand am Dienstag, 21. Juli 2020, statt. Die Grundidee ist eigentlich einfach: Nach einem langen Gebäudeleben sollen Baustoffe im Zuge von Sanierung, Umbau oder Abriss wieder genutzt werden. Produkte sollten also in der Art gestaltet werden, dass die Rückgewinnung von Materialien und Rohstoffen besser gelingt. Deshalb geht es für die Baustoffhersteller auch um die Bereitstellung von Investitionen für den zusätzlichen Entwicklungsaufwand. Den Einleitungsvortrag zum Thema "Produktentwicklung und Kreislaufwirtschaft - Widerspruch oder Ziel" hielt Dr. Eike Messow, Leiter Nachhaltigkeit bei der Sto SE & Co. KGaA. 

Vielfältige Aufgaben der Produktentwicklung

Dr. Messow betonte zunächst die Vielfalt von Anforderungen, die an die Produktentwicklung gestellt werden: Die Produkte sollen leicht und schnell zu verarbeiten sein mit einem effizientem Materialeinsatz, am besten nachwachsend, dauerhaft und schadstofffrei sein - und auch noch günstig in der Herstellung. Da komme der an Nachhaltigkeit orientierte Produktentwickler schnell in ein Dilemma widerstrebender Anforderungen, das er zu managen habe. "Die beste Form der Nachhaltigkeit ist Schönheit" war denn auch sein Credo, weil schöne Gebäude auch eine lange Lebensdauer aufweisen. Ein Produktdesign, das auf die möglichst einfache  Rückgewinnung der Materialien zielt, sieht er nicht in allen Bereichen als realisierbar an. Wichtig wäre hingegen, den technischen Kreislauf durch die möglichst sortenreine Trennung der Materialien zu optimieren. Dies könne aber nicht die Aufgabe eines einzelnen Herstellers sein, sondern müsse von der Bauwirtschaft als Ganzes angegangen werden. "wir sitzen alle in einem Boot" appellierte Messow an die Hersteller von Baumaterialien, branchenübergreifende Lösungen zu entwickeln.

Bürokratische Hürden

Prof. Dr. Konrad Steiner von der höheren Bundeslehranstalt für Landwirtschaft in Ursprung (AT) stellte ein von ihm mit der Firma Isocell entwickeltes System der Verwertung von natureplus-zertifizierten Zellulosedämmstoffen vor. Hier werden nach der (unter Umständen auch mehrfachen) Nutzung abgesaugte borathaltige Zelluloseflocken in einer Pyrolyse verkohlt und anschließend als wertvolles Düngemittel eingesetzt. Obwohl alle Untersuchungen die Eignung dieses Verfahrens selbst für den Bio-Landbau belegen, kann es nicht umgesetzt werden, weil "Abfälle" nicht auf den Acker ausgebracht werden dürfen.

Ähnliches berichtete Carmen Schneider von der Unternehmensleitung der Fa. best wood Schneider. Die Firma, die sowohl Holzwerkstoffe für den konstruktiven Holzbau als auch Holzfaser-Dämmstoffe mit natureplus-Zertifikat herstellt, hat ihre Wertschöpfungskette optimiert: Die angelieferten, regional erzeugten Hölzer werden in einer Kaskadennutzung ohne Transportwege vollständig am Ort verwertet - bis hin zum Sägemehl, das zu Pellets gepresst und zur Erzeugung der nötigen Prozesswärme genutzt wird. Gerne würden sie nun - neben der bereits praktizierten Verwendung von Altholz - die Stoffreste von der Baustelle ebenfalls wieder in die Produktion rückführen, das scheitert bislang jedoch an der fehlenden Transportgenehmigung: Baustellenreste gelten als Abfall und für die Abfallentsorgung gelten sehr strenge Transportvorschriften.

Markus Heße von Xella Baustoffe hatte für dieses Problem eine Lösung parat: Sie stellen den Baustellen BigBags zur Verfügung, die zentral gesammelt und wieder in die Produktion von (zum Teil natureplus geprüften) Baustoffen einfließen können. Diese werden verplombt und sind anhand der Plombe der Baustelle zuzuordnen - dann fallen sie unter eine günstigere Transportkategorie. Xella versucht zum einen, durch ein dichtes Netz von Produktionsstandorten den Transportaufwand zu reduzieren und hat zum anderen, neben der Rückführung in die Produktion, vielfältige neue Anwendungen der zurückgeführten Materialien entwickelt, beispielsweise sehr hochwertige Ölbindemittel. Das Problem ist allerdings: "Es kommt bislang viel zu wenig Material zurück."

Problemstoff Gips

Prof. Dr. Ariane Ruff von der Hochschule Nordhausen stellte anschließend ihr Forschungsprojekt zum Gipsrecycling vor. Wie sie erklärte, ist Gips eigentlich ein Rohstoff, der aufgrund seiner chemischen Eigenschaften sehr gut im Kreislauf geführt werden könnte, er ist als gesunder und gut zu verarbeitender Baustoff auch sehr beliebt: 57 % des in Deutschland verbrauchten Gipses fließt direkt in den Bausektor. Das Problem ist allerdings, dass Gips bislang viel zu billig als Nebenprodukt der Kohleverstromung gewonnen und auch viel zu günstig - überwiegend in Osteuropa - entsorgt werden kann. Der bevorstehende Kohleausstieg wirke sich schon jetzt dramatisch auf die Rohstoffverfügbarkeit aus und dem verstärkten Abbau von Naturgips stehen Belange des Naturschutzes entgegen.

Deshalb sei es im ureigenen Interesse der Hersteller von Gipsprodukten, verstärkt auf Post-Consumer-Gips zurückzugreifen, doch ohne staatliche Regulierung komme das nicht in Gang: Von jährlich 640.000 t anfallenden reinen Gipsabfällen aus Abriss und Rückbau kommen lediglich 30.000 t in den vorhandenen Recyclinganlagen an. Ein großer Teil der Gipsabfälle landet auch einfach im vermischten Bauschutt. Ruff forderte daher eine sehr viel konsequentere sortenreine Trennung des Bauschutts, die Schaffung von verbindlichen Standards, die Entwicklung einer selektiven Rückbautechnik und die Anpassung der Produktionsprozesse an die Verarbeitung von Recyclingmaterial.

Hierzu wurde von Seminarteilnehmern angemerkt, dass der "Gipstourismus" nach Tschechien auch noch mit Millionenbeträgen von der EU bezuschusst wird. Anstatt Abfälle als Rohstoffe anzusehen, würden seitens der Behörden immer nur Gründe gesucht, um Recyclingstoffe auszuschließen. Künftig müssten diese den Naturbaustoffen gleichgestellt werden, sofern sie die gleichen Eigenschaften haben. Für das Gipsproblem gebe es auch andere Lösungen, etwa im Ausweichen auf andere industrielle Reststoffe wie beispielsweise Gips aus der Zitronensäureproduktion oder in der Reduzierung des Gipseinsatzes.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Erweiterung der Produktverantwortung für den Hersteller beispielsweise durch eine Art Pfandsystem, das die Rückführung der Materialien anreizt. Auch die Bauherrschaft müsste stärkere Verantwortung übernehmen, beispielsweise durch die Stellung einer Kaution für den späteren Rückbau des Gebäudes. Künftig dürfe man kein Haus mehr bauen, das nicht komplett wiederverwertet werden kann. Hierzu könnten auch Gütesiegel wie natureplus beitragen, indem sie den Produkten eine Rückbaufähigkeit bescheinigen.

Fazit: Die Integration von Baustoffen in eine Kreislaufwirtschaft ist durchaus sehr vielschichtig und nur ganzheitlich umsetzbar. Weder gelingt sie allein durch die optimierte Rohstoff-Auswahl und die Herstellung reversibler Baustoffe, noch durch neue Verwertungsverfahren. Eine ganzheitliche Betrachtung inklusive logistischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Randbedingungen ist nötig.
 

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