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Lehmbau in moderner Architektur

In der 3. Folge der natureplus-Seminarreihe "Baustoffe der Zukunft" ging es um den traditionellen Baustoff Lehm, der aktuell eine Renaissance in moderner Architektur erfährt.

Der Alnatura-Campus in Darmstadt. Fotos: Alnatura

Innenansicht des Alnatura-Gebäudes.

Den Auftakt machte Prof. Christof Ziegert vom ZRS-Architekturbüro, der an der Hochschule Potsdam lehrt und auch Vorstand des Dachverband Lehm e.V. ist. Dieser Dachverband hat sich insofern einen Namen gemacht, als er mit den "Lehmbauregeln" einen großen Beitrag zur technischen Normung dieses Traditionsbaustoffs geleistet hat. Mittlerweile existieren technische Merkblätter, diverse DIN-Normen für die Produktfertigung etwa von Lehmbauplatten oder Lehmputzen, sodass dem Einsatz dieser Produkte im modernen Hochbau nichts mehr entgegensteht. Ebenso hat der Dachverband Lehm ein Netzwerk von Fachhandwerksfirmen aufgebaut und veranstaltet laufend Fortbildungen für Handwerker.

Lehm ist international

Ziegert nannte als wichtigste Vorzüge die sehr hohe (Luft-)Feuchteresorption und die hervorragende Ökobilanz. So benötigt ein Lehmputz 200mal weniger Herstellungsenergie als ein Zementputz, er ist dazu auch noch komplett reversibel und kann somit stofflich wiederverwendet werden. Die Feuchte-Aufnahme ist fünfmal höher als beim Gipsputz, weshalb der Ausgleich von Lastspitzen der Luftfeuchtigkeit sogar im Bad gelingt. Technik kann eingespart werden bei zugleich höchster ästhetischer Wirkung, wie die Beispiele des Archivgebäudes des Archäologischen Parks in Xanten und des Kolumba-Museums in Köln (Museum des Jahres 2014) zeigen. Die hohe Feuchteresorption sorgt auch für eine verstärkte Pufferung von Luftschadstoffen. Wegen der geringen Dichte, Quellfähigkeit und hohen Wasseraufnahmefähigkeit verträgt sich Lehm bekanntlich hervorragend mit dem Holzbau, wofür ca. 2 Millionen historischer Fachwerkbauten in Deutschland mit teilweise über 600jähriger Geschichte den Beweis liefern. Aber auch im modernen Holzbau finden beispielsweise Lehmbauplatten als Ersatz der Unterputzlage breite Verwendung. Und sogar der aufwändige Stampflehm wird neuerdings auch in modernen Bauten wegen seiner ästhetischen Eigenschaften als Gestaltungselement geschätzt.

In einem zweiten Referat berichtete Prof. Ziegert über die 20 Lehmbauprojekte, die sein Büro international betreut, diese reichen von einfachen Selbstbau-Gebäuden aus Lehm und Bambus in Bangladesh und Pakistan über die Sanierung historischer Bauten in Beirut und Saudi-Arabien, die Unterstützung der Rekonstruktion jahrtausendealter Paläste im Südirak (Uruk) und im Jemen bis hin zu prächtigen Hotelbauten aus Lehm in der arabischen Wüste. "Lehm ist der internationale Baustoff, der uns alle verbindet", zog Ziegert sein Fazit.

Lehm ist modern

Martin Haas vom Büro haas cook zemrich, zudem auch Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), berichtete über den von ihm betreuten Neubau des Alnatura-Campus in Darmstadt, 2020 ausgezeichnet mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur. Dieses Objekt in Holz- und Lehmbauweise verfügt über eine gebäudehohe, freitragende Fassade aus vor Ort hergestellten Stampflehm-Elementen mit einer innenliegenden Dämmung aus Schaumglas-Schotter und erfüllt höchste Wärmedämmeigenschaften in monolithischer Bauweise. Die ausgeklügelte monolithische Architektur und die Verwendung von Lehm auch im Innenbereich ermöglicht es, ein Maximum an Komfort bezüglich natürlicher Belichtung, Raumakustik und angenehmem Raumklima ohne viel Haustechnik zu erzielen, was sich in einer großen Zufriedenheit der Alnatura-Beschäftigten mit ihrer neuen Firmenzentrale zeigt, in die auch ein Betriebskindergarten integriert ist. Weitere Nachhaltigkeitsaspekte sind beispielsweise die Ansiedlung auf einer Konversionsfläche (ehemalige US-Panzerwartungsanlage), die Rückbaubarkeit der hölzernen Tragwerke durch Steckverbindungen oder die geothermische Beheizung. Mit einem Kostenrahmen von 1500-1900 EUR/m² BGF sind hier bleibende Werte geschaffen worden. Dass es sich im Grundsatz um einen modernen Lehmbau handelt, hat der Bauherr insbesondere an der Fassade deutlich zur Geltung gebracht.

13.000 m² Lehmbauplatten

Im Gegensatz dazu sieht man dem Klimareferat der Vereinten Nationen in Bonn nicht an, dass hier mit 13.000 m² Lehmbauplatten vermutlich das größte Umbauprojekt mit dem historischen Baumaterial realisiert wurde. Bereits seit 2012 ist in dem ehemaligen Abgeordnetenhaus des Bundestages die UN zuhause, der Bauherr, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, legte ausdrücklich Wert darauf, dass bei der Sanierung des in die Jahre gekommenen Gebäudes aus den 50er Jahren vorrangig regionale Materialien zum Einsatz kamen. Wie Ulrich Röhlen, technischer Leiter der Lehmbau-Pionierfirma Claytec, berichtete, war der Bau aus heutiger Sicht eigentlich statisch unterdimensioniert. Deshalb wurden hier die leichten Claytec-Lehmplatten für den Innenausbau verwendet, die einen Schilfrohr-Kern haben. Die heute gängigen Lemix-Platten sind deutlich schwerer. Röhlen, der ebenfalls Vorstand im Dachverband Lehm ist, berichtete zudem von der Entwicklung des modernen Lehmbaus am Beispiel der Firma Claytec, die sich aus bescheidenen Anfängen 1984 als Handwerker im Denkmalschutz zu einem der größten industriellen Anbieter von Lehmbauprodukten entwickelt hat.

Virtuelle Lehmwelten

Zum Abschluss stellte Peter Gmeiner von der Firma lehmorange im bayerischen Störnstein seine wassergeführte Klima Lehmbauplatte als Wandheizung vor sowie die Produktpalette der Lehmbaufirma, die sich den Kunden auch in "virtuellen Lehmwelten" präsentiert. Hier können sich Interessenten mit ein paar Klicks eine Planung und Kalkulation für ihr Familienhaus zusammenstellen.
Die lebhafte Diskussion und starke Beteiligung von über 70 Teilnehmern bestärkte den Eindruck, dass der Lehmbau in der modernen Architektur angekommen ist. Die nächste Veranstaltung der Reihe "Baustoffe der Zukunft" ist schon am 04. Juni mit dem Thema "Building with bamboo - a building material suitable for the masses?" Anmeldung hierfür ist immer noch möglich.

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