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Fakten und Hintergründe zum Thema Naturgipsabbau und Artenschutz

Die Ausbeutung natürlicher Gipsvorkommen zu Lasten wertvoller und zum Teil einzigartiger Biotope verbindet die Themen Ressourcenknappheit und Artenvielfalt (Biodiversität). Die techni-schen Alternativen, vor allem die Verwendung von Gips auch Rauchgasentschwefelungsanla-gen von Kohlekraftwerken (REA-Gips), sind vorhanden und werden auch erfolgreich eingesetzt – bislang jedoch noch nicht im notwendigen Umfang.

Oben: Das Naturschutzgebiet Mühlberg mit Tanzteich im Südharz; der Waldkomplex mit dem NSG Himmelsberg wird durch den rechts außerhalb des Bildes seit 2002 beantragten Abbau "Woffleben-Himmelsberg" komplett zerschnitten.

Unten: Gipstagebau im Südharz

Die Ausbeutung natürlicher Gipsvorkommen zu Lasten wertvoller und zum Teil einzigartiger Biotope verbindet die Themen Ressourcenknappheit und Artenvielfalt (Biodiversität). Die technischen Alternativen, vor allem die Verwendung von Gips auch Rauchgasentschwefelungsanlagen von Kohlekraftwerken (REA-Gips), sind vorhanden und werden auch erfolgreich eingesetzt – bislang jedoch noch nicht im notwendigen Umfang.

 

Die aktuelle Situation

Gips ist mit einem Materialeinsatz von knapp 10 Mio. to/a ein beliebter Baustoff: als Putzbestandteil, als Spachtelmasse, als Gipsfaser- oder Gipskartonplatte. Rund 20 Prozent des Materials für diese Bauprodukte wird billig im Tagebau gewonnen, in Deutschland hauptsächlich im Harz und in Oberfranken. Die Abbaugebiete sind jedoch typischerweise artenreiche Biotope – und inzwischen meist die letzten ihrer Art. Das liegt daran, dass oberflächennahe Gipsvorkommen wegen der hohen Wasserlöslichkeit des Minerals die normale Land- oder Waldwirtschaft unmöglich machen. Auf diesen Flächen finden wir heute urige Wälder und artenreiche Magerwiesen.

Man könnte diese Naturschutzgebiete längst in Ruhe lassen und mittelfristig komplett auf Gips aus industriellen Beiprodukten umsteigen. Doch vor allem aus ökonomischen Gründen wollen die Baustoffhersteller auf Naturgips nicht verzichten. Im Gegenteil, die Firmen versuchen, sich zusätzliche Abbaurechte und Flächen zu sichern. 

Der Grund dafür ist überwiegend ökonomischer Natur: Der Abbau von Naturgips in unmittelbarer Nähe zu den Fabriken (Harz, Oberfranken) ist billiger als die Aufbereitung von REA-Gips und der Transport aus den Regionen mit Braunkohleabbau zu den Standorten der Gipsindustrie. Man schätzt die Mehrkosten auf 1 €/to Rohstoff, bei einem Naturgipseinsatz von noch etwa 2 Mio. to/a. Hinzu kommt der Erlös aus Zuschüssen der Kraftwerksbetreiber beziehungsweise der  Preis für das Material.

 

Die Argumente der Hersteller

Auf dieser Grundlage rechtfertigen die Unternehmen die unterbleibende Nutzung von REA-Gipsen mit dem Argument, man wolle diese Vorräte schonen, um sie nach dem absehbaren Ende der Naturgipsgewinnung einsetzen zu können. In der Zwischenzeit könne man die Produktionsstandorte an den Ort des Rohstoffanfalls verlagern.

Außerdem hat die Gipsindustrie ein starkes Interesse daran, keine Knappheit an Gipsrohstoffen entstehen zu lassen, weil dann die Stromerzeuger einen höheren Preis für die REA-Gipse verlangen können, statt wie bisher für die Entsorgung einen Transportkostenzuschuss zu zahlen. Eine politische Entscheidung gegen den Naturgipsabbau würde das Marktgefüge zugunsten der REA-Betreiber verschieben und eine generelle Preissteigerung des Rohstoffes Gips und seiner Produkte auslösen. In jüngerer Zeit wurden bereits positive Preise für REA-Gips verlangt.

 

Die Rolle der Verbraucher

Diese Preissteigerung durch Verzicht auf Naturgips wären aber wahrscheinlich für den privaten Verbraucher (Bauherrschaft im Neubau, bei Renovierungen und energetischer Sanierung) relativ unproblematisch. Unterstellt, die Beschaffungskosten für Gips stiegen um 10 €/to, würde dies eine Steigerung von etwa 2 – 3 €/m² um 10 Ct/m² Gipsbauplatte ausmachen. Für glaubwürdig umweltschonende Produkte sind Verbraucher bereit, bis 10 % mehr auszugeben. Daraus errechnet sich eine Zahlungsbereitschaft von 20 – 30 Ct/m².

 

Das natureplus-Qualitätszeichen

Zur Erkennung umweltorientierter Produkte bietet der unabhängige und gemeinnützige Verein natureplus das allgemein anerkannte natureplus-Qualitätszeichen für gesundes und nachhaltigen Bauen als Unterscheidungsmerkmal zwischen „normalen“ und aus Umwelt- und Gesundheitssicht „besseren“ Produkten an.

Im Fall von Baustoffen aus Gips steht bereits seit der Veröffentlichung entsprechender natureplus-Richtlinien im Jahr 2004 außer Frage, dass das natureplus-Qualitätszeichen nur an Produkte vergeben wird, die ohne Einsatz von Naturgips hergestellt werden. Dass das auch heute schon möglich ist, zeigt die Verwendung von rund 80 Prozent REA-Gips in zahlreichen Baustoffen.

Das Angebot von natureplus ist nun, zunächst mit einem kleinen Teil des Produktsortimentes zu beginnen, um die möglichen logistischen (Transport und Trennung und Überwachung der Stoffströme in der Produktion) sowie marktpolitische Hemmnisse (höhere Herstellkosten) zu überwinden. Damit könnte auch festgestellt werden, ob die Verbraucher auf eine solche Kampagne positiv reagieren.

Aus der Sicht von natureplus und BUND würde der Einsatz vom Verbraucher im Einzelnen und der Öffentlichkeit im Gesamten belohnt, sodass er für die Unternehmen keinen großen Verlust bedeutet – und im Zusammenspiel mit einer Aufwertung ihres Images unter dem Strich sogar einen Gewinn im Wettbewerb bedeutet.

 

Naturgipsabbau stoppen – Pro und Contra

Dem Ansinnen, die letzen natürlichen Gipsvorkommen und den damit verbundenen artenreichen Biotopen dem Abbau zu entziehen, ist schon mit vielen Argumenten begegnet worden. Die Wichtigsten sind im Folgenden kurz behandelt.

 

Der Naturschutz spielt schon eine große Rolle beim Gipsabbau
Richtig. Die Unternehmen haben sich zum Teil recht erfolgreich bemüht, die Folgen des Abbaus mit Renaturierung, Ausgleichsmaßnahmen u.ä. abzumildern. Doch diese Bemühungen sind einerseits begrenzt und andererseits nicht ausreichend erfolgreich. Eine Renaturierung zum Ausgangszustand würde Jahrhunderte dauern, wenn sie überhaupt möglich ist. Denn durch den Abbau wird die geomorphologische Struktur der ausgebeuteten Flächen unwiderbringlich verändert. Beim gegenwärtigen, durch den Klimawandel verschärften Tempo des Artensterbens sind ökologischen Nischen wie der Gipskarst nicht mehr länger verzichtbar.

 

REA-Gips ist giftig, radioaktiv verseucht.
Dieses Argument ist widerlegt durch die sog. „Beckerts-Studie“ (1).
Danach ist das Gegenteil richtig: REA-Gipse sind heute reiner als die meisten Naturgipsvorkommen.
1) Beckert, J., Einbrodt, H.J., Fischer, M.: Bericht und Gutachterliche Stellungnahme "Untersuchungen zur gesundheitlichen Beurteilung von Naturgips und REA-Gips aus Kohlekraftwerken im Hinblick auf deren Verwendung zur Herstellung von Baustoffen" Institut für Hygiene der Universität Lübeck, VGB Forschungsprojekt 88, Laufzeit 1987 - 89, VGB-Forschungsstiftung, Essen und Bundesverband der Gips- und Gipsplattenindustrie e. V., Darmstadt, 1989

 

REA-Gips taugt technisch nicht für alle Anwendungen.
Falsch. Es gibt anspruchsvolle Hersteller, die ausschließlich REA-Gips verarbeiten. Naturgipse werden zur Qualitätsverbesserung mit REA-Gipsen vermischt. Viele Werke verwenden beide Arten ohne weitere Differenzierung (s.o.: Produkte werden mal aus dem einen, mal aus dem anderen Rohstoff hergestellt)

 

Es gibt nicht genug REA-Gips für den gesamten Markt.
Könnte auf lange Sicht zutreffen. Deshalb müssen Reserven erschlossen werden, die bisher als „zu teuer“ nicht berücksichtigt wurden. Die Umstellung auf „Naturschutzgips“ soll deshalb auch innerhalb ausreichender Übergangsfristen stattfinden.

 

Langfristig geht REA-Gips zu Neige, weil die Kohlekraftwerke wegen des Klimaschutzes abgeschaltet werden müssen.
Das Argument könnte sehr langfristig wirksam werden. Ziel sollte es deshalb sein, Kreislaufkonzepte (Recycling nach der Nutzung) und weniger empfindliche Ressourcen gefunden werden – höchste Zeit, damit endlich anzufangen. (Anekdote: Das Argument kommt aus derselben Ecke, die die Kohleverstromung durch CO2-Sequestrierung salonfähig behalten möchte)

 

Der Transport von REA-Gips zu den Gipsfabriken verursacht umweltschädlichen Transportaufwand.
Richtig. Deshalb sollen solche Transporte, wie schon jetzt, per Güterzug erfolgen. Wenn das nicht zumutbar sein sollte, sollte im Einzelfall geprüft werden, ob ein naturschutzpolitisch weniger „wertvolles“ Gipsvorkommen ausgebeutet werden darf, um solche verlagerte Umweltbelastungen zu vermeiden. Es stünde den Herstellern frei, den entsprechenden Nachweis zu erbringen. Wo kein Bahnanschluss vorhanden ist, muss eben einer gebaut werden. Die Gipsindustrie betreibt zum Beispiel eine gemeinsame Verladestation in Stadtoldendorf – ein positives Beispiel.

 

Manche ausgebeuteten Gipsgruben sind heute schon selbst zu wertvollen Sekundärbiotopen geworden.
Richtig, diesbezügliche Anstrengungen der Hersteller sind eine Anerkennung wert. Aber diese Biotope sind kein echter Ersatz für die ursprüngliche Natur und den originalen Gipskarst. Zudem sind die Vorkommen mehrheitlich (Niedersachsen, Bayern) oder bis zu einem großen Anteil (Thüringen) bereits abgebaut, sodass dieses Argument in Zukunft wenig stichhaltig ist.

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