Klimaneutral bis 2045

Ein neues Industrie-Bündnis "Klimarunde BAU" bekennt sich zum Ziel der Klimaneutralität im Bausektor, wirbt für ganzheitliche Lösungsansätze und viele praktische Ideen, stellt sich aber klar gegen eine politische Bevorzugung des Holzbaus.

Screenshot der Website

In der unlängst veröffentlichten Gründungserklärung der "Klimarunde BAU" heißt es, "die Wertschöpfungskette Planen und Bauen bekennt sich zu ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung für den Klima- und Ressourcenschutz. Schließlich ist der Bau- und Immobilienbereich nicht nur weltweit einer der großen Treibhausgasemittenten, sondern er ist auch ressourcenintensiv – sowohl im Rohstoffeinsatz als auch beim Abfallaufkommen im Rahmen der Bautätigkeiten." An der "Klimarunde BAU" beteiligen sich folgende Organisationen:

  • BAK Bundesarchitektenkammer
  • BAUINDUSTRIE
  • bbs Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden
  • BIngK Bundesingenieurkammer
  • Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA
  • textil + mode Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie
  • VBI Verband Beratender Ingenieure
  • VDMA
  • ZDB Zentralverband des Deutschen Baugewerbes

Die Partner der Klimarunde BAU sind sich in ihrem Ziel einig, "auch im Bausektor Klimaneutralität" zu erreichen. Dabei setzen sie sich für ganzheitliche und technologieoffene Lösungsansätze ein. In drei kurzen Thesenpapieren beschreiben sie ihre Lösungsvorschläge an die Politik, um die Sanierungsrate drastisch zu erhöhen und den Gebäudebestand klimaneutral zu machen. Das zentrale Instrument ist hierbei die ganzheitliche Lebenszyklusbetrachtung.

Lebenszyklus als Bewertungsgrundlage

"Eine Bewertung der Umweltauswirkungen von Bauwerken muss auf einer Lebenszyklusbetrachtung beruhen." Bisher lag bekanntlich im Bausektor der Fokus beim Klimaschutz auf den Betriebsemissionen von Gebäuden. Gebäudeenergiegesetz (GEG) und diesbezügliche Förderprogramme sind ausschließlich auf Energieeffizienz im Gebäudebetrieb zugeschnitten. Um Klimaneutralität zu erreichen, müssten jedoch die CO2/THG-Emissionen über den gesamten Lebenszyklus – von der Herstellung und den Transport der Bauprodukte über die Errichtung und Nutzung der Gebäude bis zum Abbruch und zur Entsorgung – betrachtet werden. Die CO2-Bilanzierung zeige auch, in welchen Lebensphasen die meisten Treibhausgase freigesetzt werden und wo das größte Potenzial für Einsparungs- und Effizienzmaßnahmen liegt. "Gesetzliche Vorgaben, Anreizsysteme und Förderprogramme für den Klimaschutz müssen auf die Hebel mit der größten Lenkungswirkung über den Lebenszyklus ausgerichtet werden." Zielkonflikte zwischen Anforderungen des Umweltschutzes und anderen gesellschaftlichen Aufgaben wie kostengünstigem Wohnraum könnten politisch nur durch eine umfassende Abwägung und Bewertung des gesamten Lebenszyklus von Bauwerken gelöst werden. 

Hierfür brauche es effektive und günstige Werkzeuge. "Die ganzheitliche Bewertung der Nachhaltigkeitsperformance von Bauwerken muss für Bauherren und Planer attraktiver werden." Das setze voraus, dass die anerkannten Bewertungssysteme zur Nachhaltigkeitszertifizierung, wie das BNB- und DGNB-System, überarbeitet und wesentlich einfacher in der Anwendung gestaltet werden. Die bestehenden Systeme seien bisher zu aufwendig und kostenintensiv, statt dessen wird das EU-Bewertungssystem Level(s) empfohlen. Nachhaltigkeit sowie effektiver Klima- und Umweltschutz müssten nun als Aufgabe aller Akteure der Wertschöpfungskette Bau verstanden werden. Die technischen, wirtschaftlichen sowie vertragsrechtlichen Rahmenbedingungen seien entsprechend auszugestalten. Neue digitale Werkzeuge werden gefordert, die als Optimierungsinstrument für den Klima- und Umweltschutz dazu beitragen, den Informationsfluss und das Zusammenspiel zwischen den Akteuren der Wertschöpfungskette zu verbessern und die Prozesse effizienter zu gestalten. Sind digitale Material- und Konstruktionsdaten am Lebensende eines Bauwerks verfügbar, lassen sich die Rohstofflager beispielsweise leichter als Sekundärrohstoffquelle im Sinne der Kreislaufwirtschaft nutzen.

Technologieoffenheit und Wettbewerb als Schlüssel für Innovation

Besonders wichtig ist der Klimarunde BAU, die Technologieoffenheit zu gewährleisten, insbesondere es von einer Gesamtbewertung des Lebenszyklus abhängig zu machen, welche Bauprodukte und Bauweisen am besten zur Erreichung der Klimaneutralität beitragen. "Alle Baubeteiligten, Architekten und Ingenieure, öffentliche und private Bauherren und Investoren sowie Baustoffhersteller und Bauausführende stehen vor der Herausforderung, bei Planung, Errichtung, Nutzung und Rückbau von Bauwerken sowohl wirtschaftliche und ökologische Aspekte als auch Baukultur, Sicherheit, Gesundheit und Komfort der Nutzer gleichermaßen zu berücksichtigen. Einfluss darauf haben unter anderem die gewählten Baustoffe, die Bauweise und das Bauverfahren, aber auch die Art und Weise der Nutzung." Als Baustoffe könnten mineralische Materialien, Metalle, Kunststoffe oder nachwachsende Baustoffe zur Anwendung kommen. Jeder Baustoff weise dabei in Abhängigkeit von Rohstoffeinsatz, Herstellungsprozess, Transportentfernungen und Einbauverfahren sowie Rezyklierbarkeit und Entsorgung eine eigene Ökobilanz auf. 

Bei einer ganzheitlichen Betrachtung auf der Ebene des gesamten Bauwerks sind im Sinne der Nachhaltigkeit nach Ansicht der Klimarunde BAU auch wirtschaftliche, technisch-funktionale und soziale Aspekte - genannt werden u.a. gesunde Innenraumluftqualität, Schallschutz, Brandschutz, technische Flexibilität - einzubeziehen. "Mit Blick auf die Mannigfaltigkeit der Anforderungen wird deutlich, dass Nachhaltiges Bauen die Vielfalt an Baustoffen braucht und damit einen technologie- und baustoffunabhängigen Wettbewerb. Daher bedarf es keiner gesetzlich festgelegten Quote für einen Baustoff, sondern Produktneutralität in den Ausschreibungen." Wie bei den Baustoffen dürfe auch die Wahl der Bauweise, ob Leicht- oder Massivbau, sowie die Anwendung einzelner Bauverfahren, ob modular, seriell, klassisch (individuell) oder mit 3D-Druck, "keiner Wettbewerbseinschränkung durch gesetzliche Vorgaben" unterliegen. Diese Aussagen sind deutlich als Votum gegen eine politische Förderung des Holzbaus und gegen eine Bevorzugung der nachwachsenden Rohstoffe gegenüber Kunststoff-Produkten zu verstehen. Diese können nur im Gebäudezusammenhang ihre Vorteile ausspielen.

Individuelle Sanierungsfahrpläne

Um die Sanierungsrate zu steigern, sollen nach Ansicht der Klimarunde BAU steuerliche Anreize gegeben werden. "Die aktuelle Sanierungsrate ist zu niedrig, um die CO2-Emissionen des Gebäudesektors, wie von der Bundesregierung angestrebt, zu senken und im vorgegebenen Zeitrahmen einen klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen. Nicht nur für Eigenheimbesitzer, sondern auch für Eigentümer von vermieteten Wohngebäuden und Nichtwohngebäuden müssen steuerliche Sanierungshemmnisse beseitigt und zusätzliche finanzielle Anreize für energetische Sanierungen geschaffen werden." Ein zentrales Instrument wird in der Erstellung von Sanierungsleitfäden gesehen: "Energieeffizienz im Gebäudesektor erfordert das ganzheitliche Zusammendenken von Gebäudehülle, Gebäudetechnologie, erneuerbarer Energieversorgung und smarter Bewirtschaftung. ... So sollte jeder Immobilieneigentümer eines Bestandsgebäudes – etwa beim Eigentumsübergang – im Rahmen eines individuellen Sanierungsfahrplans umfassend über die notwendigen Sanierungsmaßnahmen für die Schaffung eines klimaneutralen Gebäudes sowie über die möglichen Förderungen informiert werden. Damit würde jedes Gebäude eine individuelle Sanierungsstrategie erhalten; Fehlinvestitionen oder ungenutzte Potenziale würden vermieden." Um insbesondere Selbstnutzern die Durchführung aufwendiger Sanierungsmaßnahmen schmackhaft zu machen, werden höhere Zuschüsse für Einzelmaßnahmen im Rahmen eines solchen Sanierungsfahrplans vorgeschlagen. "Ein wirksamer Anreiz wäre die Staffelung der Förderhöhe nach der realen Minderung der mit den Maßnahmen verbundenen CO2-Emissionen."

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