Der perfekte Kreislauf

Der österreichische Zellulosedämmstoff-Hersteller ISOCELL hat ein innovatives Verfahren entwickelt, das den Kreislauf des Rohstoffes Holz komplett schließt: Am Ende des Recyclingprozesses entsteht ein hoch wirksames Düngemittel.

Eine Studentengruppe beim Feldversuch (Foto: Isocell)

Die Grundidee steckt schon im Produkt: Zellulose als Dämmstoff ist bereits ein Recyclingprodukt in mehrfacher Hinsicht. Denn das alte Zeitungspapier, aus dem es gewonnen wird, ist selbst schon bis zu sechsmal recycelt, seitdem es aus dem Rohstoff Holz gewonnen wurde. Den Zellulose-Dämmstoff selbst kann man wiederum bis zu dreimal stofflich als Dämmstoff wiederverwenden, auch dies ein großer Vorteil gegenüber anderen Dämmmaterialien. Doch was geschieht dann, wenn dieses stoffliche Recycling nicht mehr möglich ist und das Material entsorgt werden muss? Kann man dann damit nicht noch etwas Nützliches anfangen?

Gegenwärtig steht dem die Borsäure im Weg, die als natürlicher mineralischer Brandhemmer in der Zellulosedämmung von ISOCELL eingesetzt wird. Borsäure gilt als eine „Substance of very high concern“ - also ein besonders besorgniserregender Stoff, für den allerdings das alte Paracelsus­Sprichwort gilt: „Die Dosis macht das Gift“. In richtiger Dosierung ist Borsäure sehr wertvoll. Für die biologische Landwirtschaft zum Beispiel, weil viele landwirtschaftliche Nutzpflanzen Bor als Spurenelement benötigen.

Durch Pyrolyse wird aus Abfall Dünger

„Unsere Idee lag auf der Hand: Wir wollten experimentieren, ob aus diesem Zusammenhang nicht etwas entstehen könnte. Den ersten Versuch haben wir mit einem aus einer Konservendose gebauten Pyrolyseofen gemacht. Wir haben aus altem Zellulosedämmstoff Kohle werden lassen und diese zur Analyse geschickt. Und siehe da, das Ergebnis hat uns von den Socken gehauen. Wir starteten ein Projekt mit der HBLA Ursprung (Höhere Bundeslehranstalt für Landwirtschaft, Umwelt­ und Ressourcenmanagement). Wir recycelten alte Zellulosedämmung, indem wir sie in einem professionellen Pyrolyseofen schadstofffrei und unter Nutzung der Abwärme verkohlten“, so Professor Dr.  Konrad Steiner, Inhaber eines Ingenieurbüros für Biologie und Erdwissenschaften und Lehrer an der HBLA Ursprung.

Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) untersuchte das Produkt in der Folge auf alle erdenklichen Giftstoffe wie Schwermetalle, PAKS oder Dioxine etc.. Das Ergebnis: Es unterschreitet alle gesetzlichen Grenzwerte der österreichischen Düngemittelverordnung klar. Bisher wurde unter anderem festgestellt, dass Mais oder Raps davon profitieren und tatsächlich einen höheren Protein­ bzw. Fettgehalt aufweisen. Auch standen bei dem ersten geernteten Silomais unterm Strich sieben Prozent Mehrertrag. Ein weiterer Effekt des Produkts: Die weiterverarbeitete Zellulose wirkt wie Aktivkohle und bindet daher den Geruch von Gülle – bis zu drei Viertel des Geruchs sogar, wie in einem Vorabkleinversuch der FH Wels erkannt wurde.

Dem Kreislauf fehlt noch der rechtliche Rahmen

Was noch fehlt, ist der rechtliche Rahmen. Zwar gewähren die lokalen Behörden in Salzburg und OÖ aufgrund der Nachhaltigkeit des Projektes mittlerweile vergleichsweise hürdenfrei weitere Feldversuche, doch ist das Produkt offiziell nicht nur kein Dünger, sondern vielmehr sogar Abfall. Und Abfall darf auf kein Feld. „Deshalb müssen wir es schaffen, unsere Versuche statistisch zu bestätigen und im Rahmen eines großen Forschungsprojekts signifikante Wiederholungen zu erlangen – um dann mit der wissenschaftlichen Basis die Genehmigung für unser Produkt zu erhalten. Das wird bahnbrechend“, so Steiner. Als Experte für Ressourcenmanagement und Nachhaltigkeit beschäftigt er sich schon seit einiger Zeit mit Kreislaufwirtschaft und Kaskadennutzung.

Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass ein eingesetzter Rohstoff über den Lebenszyklus einer Ware hinaus wieder vollständig in den Produktionsprozess zurückgeführt wird – wie der Zellulosedämmstoff bei der Wiederverwendung als Dämmstoff. Kaskadennutzung heißt, dass ein Rohstoff über mehrere Stufen hinweg genutzt wird, also das Holz wird zu Papier, das zu Recyclingpapier und das zu einem Dämmstoff. Wenn der zu recycelnde, alte Dämmstoff nun zu einem Dünger weiterverarbeitet wird, führt das zur maximalen Kaskadennutzung des Rohstoffes Holz. Der Kreislauf würde geschlossen – und am Ende stünde sogar eine negative CO2­-Bilanz, also eine langfristige Bindung von CO2 im Boden, die de facto das Positivste ist, was man sich wünschen kann.

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