Von und über natureplus

Bioökonomische Baustoffe zum Standard machen!

Rund 80 Teilnehmende, vielfältige Perspektiven und konkrete Ansätzefür die Bauwende: Beim Abschlussforum der natureplus-VeranstaltungsreiheZukunft.Bau.Stoffe am 16. Oktober imTRIANGEL in Karlsruhe ging es darum, natürliche Baustoffe stärker in der Baupraxis zu verankern. 

October 22, 2026

Wie schaffen es bioökonomische Baustoffe aus der Nische in die breite Anwendung? Welche Erfahrungen helfen weiter – und wo müssen wir gemeinsam ansetzen? Zum Abschluss unserer Veranstaltungsreihe Zukunft.Bau.Stoffe kamen rund 80 Menschen aus Architektur und Planung, Handwerk, Baustoffherstellung und -handel, Kommunen, Wissenschaft und Forschung zusammen. Das Forum verband die natureplus-Fachkonferenz RE.THINK BUILDING 2026 mit dem Projekt „Bioökonomische Baustoffe für die Bauwende“ und bot Raum fürfachliche Impulse, intensive Diskussionen und persönliche Begegnungen. 

Zukunft.Bau.Stoffe – Wissen vernetzen, Anwendung stärken 

Mit dem Projekt „Bioökonomische Baustoffe für die Bauwende“ setzt sich natureplus dafür ein, den Einsatz bioökonomischer Baustoffe in Baden-Württemberg zu stärken und regionale Wertschöpfungsketten zu fördern. Unterstützt wird das Projekt durch das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. 

Die Veranstaltungsreihe Zukunft.Bau.Stoffe brachte dafür unterschiedliche Akteur*innen zusammen: In Fachveranstaltungen und Workshops wurden über ein Jahr hinweg Potenziale aufgezeigt, Erfahrungen geteilt und Herausforderungen diskutiert. Das Abschlussforum bündelte diese Perspektiven und richtete den Blick auf die nächsten Schritte – von der Produktentwicklung über die Materialentscheidung bis zur Umsetzung auf der Baustelle.

Tilmann Kramolisch, Geschäftsführer von natureplus, gab einen Überblick über das Projekt "Bioökonomische Baustoffe für die Bauwende"

Holz und Lehm im Loop: Impulse für kreislaufgerechtes Bauen 

Den fachlichen Auftakt gestaltete Andrea Klinge, ZRS Architekten Ingenieure und Professorin für Konstruieren und Entwerfen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Ihre Keynote „Holz und Lehm im Loop“ widmete sich den Potenzialen von Naturbaustoffen für kreislaufgerechte Lowtech-Konstruktionen. Im Mittelpunkt stand damit eine grundlegende Frage der Bauwende: Wie können Materialwahl und Konstruktion dazu beitragen, Ressourcen zu schonen, Bauteile im Kreislauf zu halten und mit weniger technischem Aufwand zu bauen?  

Am Beispiel des Berliner Sozialwohnungsbauprojekts „Holz Ziegel Lehm“ zeigte Klinge, wie sich dieser Ansatz praktisch umsetzen lässt. Materialien der Gründerzeit – Holz, Lehm und Ziegel – treffen hier auf eine konsequente Lowtech-Strategie: Ihre bauphysikalischen Eigenschaften übernehmen zentrale Aufgaben der Gebäudetechnik. So reguliert Lehm die Luftfeuchtigkeit, während außenliegende Bäder eine natürliche Belüftung ermöglichen. Wartungsfreundliche Konstruktionen, geogene Baustoffe wie Lehm und Kalk sowie eine Wärmepumpe zum Heizen und Temperieren ergänzen das Konzept. Auch beim Schallschutz wurde bewusst auf den Normalstandard gesetzt, um Kosten zu reduzieren; eine spätere Nachrüstung bleibt möglich. Für die Umsetzung solcher Ansätze empfahl Klinge, ausführende Fachleute bereits ab Leistungsphase 3 einzubeziehen.

Der Vortrag setzte den Rahmen für die anschließende Auseinandersetzung mit konkreten Materialien und ihrer Anwendung. 
‍

Key Note-Vortrag Holz und Lehm im Loop: Potenziale von Naturbaustoffen für kreislaufgerechte LowTech Konstruktionen mit Andrea Klinge

Tradition trifft Hightech 

Anschließend ergänzte Carolin Feldmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Bereich Digital Design and Fabrication (DDF) am KIT, die Perspektive aus der Forschung. Ihr Innovationsimpuls beschäftigte sich mit der digitalen Neuinterpretation historischer Verbundmaterialien. 

Der Beitrag eröffnete einen Blick darauf, wie überliefertes Materialwissen mit digitalen Entwurfs- und Fertigungsmethoden weitergedacht werden kann. So spannte das Auftaktprogramm den Bogen von kreislaufgerechten Lowtech-Konstruktionen zu neuen Möglichkeiten der Materialentwicklung. 
‍

Austausch über die Frage "Welche Frage rund um bioökonomische Baustoffe beschäftigt Sie heute besonders?"
Moderatorin Katharina Brenner präsentierte die Materialaussteller mit einem Material-Quiz.

Von der Zulassung bis zur Baustelle:Gemeinsam Lösungen entwickeln 

Danach waren die Teilnehmenden selbst gefragt: In zwei Runden à 45 Minuten konnten sie an vier interaktiven Themenstationen Erfahrungen einbringen, Fragen diskutieren und Lösungsansätze zusammentragen. Die Stationen griffen zentrale Herausforderungen auf, die über den erfolgreichen Einsatz bioökonomischer Baustoffe entscheiden. 

Die vier Themenstationen verfolgten den Weg des Materials vom Marktzugang bis zur Umsetzung auf der Baustelle.

1. Marktzugang: Den Weg aus der Nische vorbereiten 

Mit Marc-Anton Dobaj, Projektleiter Produktprüfungen beim eco-INSTITUT Germany, ging es um die Frage, was neue bioökonomische Materialien für ihren Markteintritt benötigen. Vorgestellt wurde der Praxisleitfaden „Marktzugang für neuartige Bauprodukte der Bioökonomie“, der von der Klärung relevanter Produkteigenschaften über den Zulassungspfad bis zur Markteinführung Orientierung bietet. 

Eine zentrale Erkenntnis: Zulassungsanforderungen sollten bereits während der Produktentwicklung berücksichtigt werden. Lange Verfahren, hohe Prüfkosten und komplexe Anforderungen erschweren den Marktzugang – umso wichtiger sind frühzeitige Beratung und passende Partnerschaften. Die Diskussion nahm auch die Möglichkeit in den Blick, Materialien als Bestandteil eines Bauteils oder Systems zu betrachten und eine kombinierte Zulassung anzustreben. Zudem können lokale Verfügbarkeit und Kooperationen Chancen für die Verbreitung neuer Lösungen eröffnen.  

Informationen zu Zulassungsverfahren bieten Europäische Zulassungsstellen, z.B. DIBt in Deutschland. Darüber hinaus steht der natureplus-Leitfaden zur Markteinführung zeitnah kostenlos zum Download zur Verfügung. Informationen dazu folgen. 

Marktzugang mit Marc-Anton Dobaj, Projektleiter Produktprüfungen bei eco-INSTITUT Germany (rechts) und Felix Konrad natureplus Institut (links)

2. Planung und Projektintegration: Materialien früh mitdenken 

Vera Hartmann, Partner & Director bei sauerbruch hutton, brachte mit dem Holz-Lehm-Campus Berlin ein konkretes Praxisbeispiel ein. Das Projekt verbindet Umbau, Sanierung und Ergänzung mit bioökonomischen Materialien. Vorgestellt wurden unter anderem Holz-Lehm-Decken, tragende Lehmwände sowie Innenwände aus Stroh oder Paludi-Baustoffen. 

Die Diskussion zeigte: Gute Materialentscheidungen beginnen früh im Projekt. Wer natürliche Baustoffe erst nachträglich als Alternative prüft, lässt gestalterische und konstruktive Möglichkeiten ungenutzt. Für erste Schritte eignen sich etablierte Lösungen; Referenzprojekte und Fachverbände helfen beider Orientierung. Auch der Umgang mit Materialästhetik wurde thematisiert: Vermeintliche Unvollkommenheiten wie z.B. Wurmstich in Holzelementen können Charakter schaffen und zu günstigeren Anschaffungspreisen führen. Gefragt sind Offenheit, überzeugende Praxis-Beispieleund die Bereitschaft, an guten Lösungen dranzubleiben. 

Als besondere Herausforderung wurde die Suche nach Handwerksbetrieben, die bioökonomischen Materialien verarbeiten können, diskutiert. Hilfreiche Anlaufstellen hierfür sind Fachverbände wie der Industrieverband Lehmbaustoffe e.V., der Dachverband Lehm e.V. oder der Fachverband Strohballenbau.  

Planung und Projektintegration mit Vera Hartmann, Partner & Director bei sauerbruch hutton

3. Kosten, Nutzen, Kreislauf: Langfristige Qualitäten sichtbar machen 

Mit Dirk Niehaus, Experte für Baustoffe aus nachhaltigenRohstoffen bei bauraum MV, betrachteten die Teilnehmenden den Nutzen bioökonomischer Baustoffe über den gesamten Lebenszyklus. Neben Anschaffung und Einbau gehören dazu Herstellung, Betrieb, Wartung, Lebensdauer und der spätere Rückbau bzw. die Entsorgung. 

Am Beispiel von Dämmstoffen, Trockenbaulösungen und Wärmedämmverbundsystemen wurden unterschiedliche Qualitäten und Zielkonflikte diskutiert. Je nach Anwendung können natürliche Baustoffe zum Beispiel mit geringem Herstellungsenergieaufwand, geringeren ökologischen Auswirkungen und Vorteilen für den Nutzerkomfort überzeugen. Auch Langlebigkeit, geringere Wartungsaufwände und bauphysikalische Eigenschaften, die Einsparungen in der Gebäudetechnik ermöglichen, können Vorteile bieten. Teilweise höhere Anschaffungskosten und eine geringere Marktverfügbarkeit bleiben zugleich Herausforderungen. 

Für die Praxis heißt das: Kostenvergleiche müssen über die Anschaffungskosten hinausgehen und langfristige Auswirkungen einbeziehen. Wer Überzeugungsarbeit leisten muss, kann Kostenargumente mit weiteren Vorteilen biobasierter Baustoffe verknüpfen, z.B. ihre positive Auswirkung auf das Raumklima und mögliche Auswirkungen auf den Immobilienwert und günstigere Finanzierungsmöglichkeiten (EU-Taxonomie). Erfahrungsberichte aus realisierten Projekten können zusätzlich helfen, Vorteile verständlich zuvermitteln.

Mögliche Anlaufstellen für Kooperationen sind zum einen die Wohnungswirtschaft oder kommunale Stellen für Klima- und Gebäudemanagement, die Interesse haben könnten an langfristig wirtschaftlichen und nachhaltigen Gebäudelösungen. Zudem ist zu empfehlen, Fördermöglichkeiten und Unterstützungsangebote zu prüfen. Informationen zu Projektförderungen bietet die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR).

Kosten, Nutzen, Kreislauf mit Dirk Niehaus, Experte für Baustoffe aus nachhaltigen Rohstoffen (bauraum MV, rechts) und Tilmann Kramolisch (links).

‍

‍

4. Umsetzung auf der Baustelle: Wissen aus dem Handwerk einbeziehen 

Christian Dallmann, Zimmerer und Experte für ökologischen Innenausbau, brachte Anwendungsbeispiele aus dem Lehmbau mit – darunter die Sanierung eines denkmalgeschützten Bauernhauses und den Innenausbau einer DAV-Hütte bei Mittenwald. Er stellte insbesondere Holz und Lehm als ideale Kombination im ökologischen Bauen vor. Lehm reguliert dabei als hygroskopischer Baustoff die Raumluftfeuchte und ergänzt die Holzbauweise durch zusätzliche thermische Speichermasse.  

Im Austausch wurde deutlich, wie wichtig die frühe Zusammenarbeit zwischen Planung und Handwerk ist. Praktisches Wissen aus der Ausführung hilft, geeignete Lösungen zu entwickeln und Fragen zur Verarbeitung rechtzeitig zu klären. Herstellerschulungen, Weiterbildungen und Arbeitsgemeinschaften können Anwendungssicherheit stärken und den Erfahrungsaustausch erleichtern. 

Der Blick richtete sich außerdem auf die Zukunft des Handwerks: Bioökonomische Baustoffe brauchen einen festen Platz in Berufsschulen und Bildungseinrichtungen. Ebenso wichtig sind Nachwuchskräfte und eine Vermittlung ökologischen Bauwissens an die breite Öffentlichkeit. 

Weitere Informationen zur Anwendung nachhaltiger Baustoffe finden Interessierte ebenfalls bei den verschiedenen Fachverbänden oder auch bei Bildungsstätten und Handwerkskammern. Empfohlen wurde darüber hinaus das Fachbuch „Ökologisch Bauen und Sanieren“ von Eshter Korte. 

Umsetzung auf der Baustelle mit Chris Dallmann, Zimmerer und Experte für ökologischen Innenausbau

‍

Materialien entdecken und Kontakte knüpfen 

Die begleitende Materialausstellung ergänzte die Vorträge und Diskussionen um innovative und nachhaltige Baustofflösungen. Sie bot Gelegenheit, Materialien näher kennenzulernen und mit den Ausstellenden über Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten ins Gespräch zu kommen. 

Beim gemeinsamen Ausklang blieb Zeit, Gedanken aus den Themenstationen aufzugreifen, Kontakte zu vertiefen und mögliche Kooperationen auszuloten. Gerade das Zusammenkommen unterschiedlicher Fachrichtungen machte den Austausch wertvoll: Fragen aus der Planung trafen auf Erfahrungen aus der Verarbeitung, neue Produktideen auf Anforderungen aus der Baupraxis. 

In der Materialausstellung präsentierten fünf Hersteller ihre Baustofflösungen.

Wie geht es weiter? 

Das Abschlussforum hat gezeigt, an welchen Stellen wir gemeinsam weiter arbeiten können: Zulassungswege frühzeitig klären, natürliche Materialien von Beginn an einplanen, ihren langfristigen Nutzen nachvollziehbar bewerten und das Handwerk in seiner Schlüsselrolle stärken.

Für die weitere Auseinandersetzung bieten unsere Factsheets kompakte Informationen zu bioökonomischen Baustoffen, ihren Einsatzmöglichkeiten und Potenzialen. Die Materialien stehen auf unserer Bioökonomie-Seite kostenlos zum Download bereit.

Der Wissenstransfer geht weiter: Am 2. Dezember 2026 von 10 bis 12 Uhr laden wir Sie gemeinsam mit PEFC Deutschland e. V. zum kostenfreien Onlineseminar „Nachhaltige Beschaffung in Kommunen – Von der Theorie zur Umsetzung“ ein. Anhand konkreter Beispiele, hilfreicher Werkzeuge und Erfahrungen aus Kommunen zeigen wir, wie Nachhaltigkeitskriterien in Beschaffung und Bauausschreibungen integriert werden können. Hier können Sie sich bereits anmelden.

Auch über die natureplus Late Lunch Sessions und weitere Fachangebote bleiben wir zu nachhaltigen Bauweisen und Materialien im Austausch.

Vielen Dank an alle Teilnehmenden, Referierenden und Ausstellenden, die diesen Tag mit ihrem Wissen, ihren Fragen und ihrer Offenheit mitgestaltet haben! Wir freuen uns darauf, die Impulse gemeinsam weiterzutragen und in die Baupraxis zu bringen.

‍

Vorträge und Dokumentation der Themenstationen

Die gezeigten Präsentationen sowie eine Dokumentation der Themenstationen finden Sie hier.

‍

‍

Sie wollen dranbleiben?

Werden auch Sie Teil des Netzwerks!

‍

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

Relevante Dateien & Links

No items found.
Author:in nicht gefunden.
No items found.