
Wie können Kommunen ihren Gebäudebestand nachhaltig und zukunftssicher erneuern? – Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmenden des natureplus Fach-Workshops „Vom Sanierungsstau zur Zukunftschance“ (Bild: natureplus/AnnaWenz)
Zukunft.Bau.Stoffe - Fachworkshop für Kommunen
Vom Sanierungsstau zur Zukunftschance: Kommunen diskutieren nachhaltige Strategien für den Gebäudebestand
Wie können Kommunen ihren Gebäudebestand zukunftsfähig entwickeln – trotz knapper Budgets und ambitionierter Klimaziele? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Fach-Workshops, zu dem natureplus e.V. am 23. April 2026 ins Collegium Academicum nach Heidelberg eingeladen hatte.
Vertreterinnen und Vertreter des kommunalen Bauwesens – unter anderem aus Heidelberg, Mannheim und Sinsheim – nutzten die Gelegenheit, sich intensiv mit Strategien für eine nachhaltige und wirtschaftliche Sanierung ihrer Gebäude auseinanderzusetzen. Im Fokus stand dabei nicht nur die Frage, wie saniert werden kann – sondern vor allem, welche Schritte einer planvollen Sanierung vorausgehen sollten.
Bestand verstehen, bevor gehandelt wird
Ein zentraler Impuls kam aus dem Forschungsprojekt und Reallabor „Re:Source Neckargemünd“. Die Analyse des kommunalen Gebäudebestands durch Studierende des Natural Building Lab der TU Berlin zeigte eindrücklich: Bevor bauliche Maßnahmen geplant werden, lohnt sich ein genauer Blick auf Nutzung und Auslastung aller bestehenden Gebäude.
Selina Schlez, Vertreterin des Natural Building Labs, sowie Steffen Feßenbecker, Energiemanager bei der Stadt Neckargemünd, zeigten in ihrem Vortrag, dass erhebliche Flächenpotenziale im Bestand liegen. Teile der kommunalen Gebäude werden beispielsweise nur unzureichend genutzt – in einigen Fällen könnten Gebäude durch bessere Organisation, Mehrfachnutzung oder Umstrukturierung von Flächen sogar vollständig obsolet und verkauft werden.
Diese Erkenntnis wurde im Workshop intensiv diskutiert. Denn sie eröffnet zwar große Einsparpotenziale, wenn Gebäude obsolet werden, wirft aber zugleich neue Fragen auf: Welche Gebäude sind strategisch relevant? Und welche Risiken entstehen, wenn kommunale Immobilien veräußert werden?

„Eine gründliche Analyse des Gebäudebestands hilft enorm, um später Kosten zu sparen und Maßnahmen gezielt auszuwählen“, betont Tilmann Kramolisch, Geschäftsführer von natureplus e.V. „So entsteht ein klares Bild von den tatsächlichen Bedarfen und ein gemeinsames Ziel.”
Bei Zielsetzung und gemeinsamer Vision sieht Steffen Feßenbecker einen zentralen Hebel für erfolgreiche Sanierungsstrategien: die Einbindung des Gemeinderats von Anfang an. So wurde das Zielbild für Neckargemünd nicht allein von der Forschungsgruppe erarbeitet, sondern im Zusammenspiel mit dem städtischen Gremium. „Es war schön zu sehen, wie am Ende alle an einem Strang gezogen haben”, fasste Selina Schlez ihre Eindrücke der Zusammenarbeit zusammen.

Sanierung neu denken: weniger Eingriff, mehr Wirkung
Wenn Bedarfe gut geklärt sind, steigt in der Planung die Effizienz: Neckargemünd setzt basierend auf den Ergebnissen des Reallabors nicht auf maximale Optimierung im Zuge seiner Sanierungsmaßnahmen, sondern auf strategische Priorisierung. Das Projekt verdeutlichte, dass es oft sinnvoller ist, viele Gebäude mit gezielten und möglichst übertragbaren Maßnahmen zu verbessern, anstatt einzelne Objekte aufwendig bis ins letzte Detail zu sanieren. Bei ähnlichen Gebäudetypen ließen sich beispielsweise Planungsschritte übertragen und Materialien gleich in größeren Mengen bestellen, was Aufwand und Kosten senken könne, so die Schlussfolgerung.
Wie die nachhaltige Sanierung eines kommunalen Gebäudes in der Praxis gelingen kann, wurde am Best Practice-Beispiel der Grundschule Welschingen (Stadt Engen im Landkreis Konstanz) konkret greifbar. Matthias Distler, Leiter des städtischen Bauamts, stellte die Sanierung des Schulgebäudes vor, die im laufenden Betrieb umgesetzt wurde. Im Mittelpunkt stand dabei eine klare Planungsphilosophie: vorhandene Strukturen erhalten, Materialien bewusst wählen und Konstruktionen so gestalten, dass sie langfristig robust, wirtschaftlich und rückbaubar sind.
Die Kombination aus Bestandserhalt, regionalen Baustoffen und kreislauffähigen Bauweisen zeigt, wie Nachhaltigkeit in der kommunalen Praxis ihren Platz finden kann – ohne übermäßigen technischen Aufwand. Das Ergebnis: Aus einem Schulbau aus den 1970er Jahren wurde ein moderner Lernort mit hellen, gut temperierten Klassenzimmern, ansprechender Holzfassade und spürbar geringeren laufenden Betriebskosten.

Förderlandschaft: komplex, aber mit großen Potenzialen
Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops lag auf den finanziellen Rahmenbedingungen. Denn so überzeugend viele Konzepte sind – am Ende bleibt die Frage: Wie können solche Projekte finanziert werden? Walter Orlik von der Klimaschutz- und Energie-Beratungsagentur Heidelberg (KLiBA) machte deutlich, dass Kommunen auf ein breites Spektrum an Förderprogrammen zurückgreifen können – von der Energieberatung bis hin zu umfassenden Sanierungsmaßnahmen.
So werden beispielsweise Energieberatungen für Nichtwohngebäude mit bis zu 50 Prozent gefördert. Gleichzeitig bietet die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) verschiedene Zuschuss- und Kreditprogramme, die gezielt auf kommunale Sanierungsvorhaben zugeschnitten sind.
Trotz dieser Möglichkeiten wurde im Workshop deutlich: Die Förderlandschaft ist komplex und es ist herausfordernd, die passenden Töpfe für die eigenen Projekte zu finden. Gerade hier spielen regionale Beratungsangebote eine wichtige Rolle. Kommunen in der Rhein-Neckar-Region können beispielsweise die Unterstützung der KLiBA in Anspruch nehmen, um passende Förderwege zu identifizieren und Projekte strategisch aufzusetzen.
Bioökonomie als strategischer Ansatz im Bestand
Über alle Beiträge hinweg zog sich ein gemeinsamer Gedanke: Im kommunalen Gebäudebestand liegt eine Menge Potenzial, wenn Sanierung ganzheitlich gedacht wird und nicht erst bei der Planung von Baumaßnahmen beginnt.
Bioökonomische Materialien können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie tragen dazu bei, Emissionen zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und regionale Wertschöpfungsketten zu stärken. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht isoliert betrachtet werden, sondern in Ergänzung zur Wiederverwertung bestehender Materialien gezielt ausgewählt und eingesetzt werden.
„Bioökonomie im Bauwesen bedeutet nicht, einzelne Materialien auszutauschen, sondern den gesamten Planungsprozess neu zu denken“, so Kramolisch. „Es geht darum, Bestehendes so gut wie möglich zu erhalten und wiederzuverwenden – und dort, wo Neues gebraucht wird, möglichst auf nachhaltige und regionale Lösungen zurückzugreifen.“
Austausch als Schlüssel zur Bauwende
Neben den fachlichen Impulsen war vor allem der intensive Austausch ein zentraler Bestandteil des Workshops. In Diskussionsrunden wurde deutlich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen für nachhaltige Sanierungskonzepte in den verschiedenen Kommunen sind. Als Lösungsansätze identifizierten die Teilnehmenden zum Beispiel mehr Wissensvermittlung über ressourcenschonende Bauweisen und biobasierte Materialien, die Darstellung von Baukosten über den gesamten Lebenszyklus hinweg als starke Argumentationsgrundlage sowie die bewusste Formulierung von Ausschreibung als wichtigen Hebel, um Bauvorhaben entsprechend zu steuern.
„Die Bauwende gelingt nicht im Alleingang einzelner Projekte und es ist klar, dass die Herausforderungen für die Kommunen riesig sind“, betont Kramolisch. „Deshalb ist es uns so wichtig, Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen den Expert*innen zu ermöglichen. Umso mehr haben wir uns gefreut, dass unsere Teilnehmenden die Möglichkeit genutzt haben und so engagiert in die Diskussion gegangen sind.”

Orientierung für die Praxis: Leitfaden in Vorbereitung
Um Kommunen bei diesen Herausforderungen zu unterstützen, entwickelt natureplus einen praxisorientierten Leitfaden. Dieser führt Verantwortliche Schritt für Schritt an nachhaltige Wege zur Sanierung des Gebäudebestands heran.
Der Leitfaden bietet eine strukturierte Vorgehensweise entlang zentraler Planungsschritte – von der Bestandsanalyse über die Bedarfsprüfung bis hin zur Materialwahl und Umsetzung. Ziel ist es, komplexe Entscheidungsprozesse zu vereinfachen und bioökonomische Ansätze systematisch in die kommunale Praxis zu integrieren.
Der Leitfaden wird nach Fertigstellen Kommunen und anderen Interessierten kostenlos zur Verfügung gestellt.
Projektkontext
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Initiative „Bioökonomische Baustoffe für die Bauwende“ statt, die vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg gefördert wird. Ziel ist es, nachhaltige Bauweisen und insbesondere biobasierte Materialien aus der Nische in die breite Anwendung zu bringen.
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